Neuerscheinungen vom 10. Juli 2026

Einleitung: 

Guten Tag, liebe Leserinnen und Leser,

heute vor zwölf Jahren ging das Frankfurter Personenlexikon online. Damals startete das biographische Nachschlagewerk zur Frankfurter Stadtgeschichte mit 30 Artikeln. Monat für Monat sind seitdem neue Beiträge über Frankfurter Persönlichkeiten im FP erschienen. Am heutigen Tag können Sie unter frankfurter-personenlexikon.de insgesamt 3.152 Frankfurter Biographien finden.
Vorgestellt werden Personen aus allen Bereichen, die stadthistorisch relevant sind. Manche Themengebiete rückten erst mit und seit dem Erscheinen der „Frankfurter Biographie“, des wichtigen Vorläufers für das Frankfurter Personenlexikon, in den 1990er Jahren in den Blickpunkt der stadtgeschichtlichen Forschung. So enthält das FP inzwischen mehrere wichtige Biographien zur Frankfurter Rundfunkgeschichte – von Paul Laven bis zu Lia Wöhr und Heinz Schenk. Der aktuelle Artikel des Monats handelt von einer Frau, die in den ersten Nachkriegsjahrzehnten in Frankfurt zur Radiolegende wurde.

Artikel des Monats Juli 2026:
Frisch vom Markt

Sie war über 40 Jahre lang für den Rundfunk unterwegs in Hessen: Anneliese Aulbach. Doch erst nach Umwegen und auch durch Zufall war die rastlose Reporterin einst zum Radio gekommen. Geboren 1919 in Oldenburg, aufgewachsen in Wiesbaden und Frankfurt, wurde Anneliese Aulbach katholisch erzogen und besuchte bis zur Mittleren Reife das Oberlyzeum des Ursulinen-Instituts im Frankfurter Nordend. Ihr Vater, damals Regierungsbauinspektor im Reichsbauamt, sah sich als Beamter nach der nationalsozialistischen Machtübernahme der neuen Regierung verpflichtet und trat am 1. Mai 1933 in die NSDAP ein. Die Tochter ging zum Bund Deutscher Mädel (BDM) und leistete Reichsarbeitsdienst (RAD), noch bevor es für alle weiblichen Jugendlichen im nationalsozialistischen Deutschland obligatorisch wurde; mit 18 Jahren wurde sie 1937 NSDAP-Mitglied. In ihrer Ausbildung und frühen Berufstätigkeit durchlief sie wechselnde Stationen: wohl eine Lehre als Verkäuferin, einen Aufenthalt als Au-pair-Mädchen in England, eine Anstellung im Büro eines Patentanwalts. Schließlich wurde die junge Frau 1940 als „Nachrichtenhelferin“ bei der Deutschen Reichsbahn zum Kriegseinsatz verpflichtet. Kurz nach Kriegsende, im Mai 1945, fand Anneliese Aulbach einen Job als Fernschreiberin und Dolmetscherin bei der US-amerikanischen Militärregierung in Frankfurt. Ihr Spruchkammerverfahren zur Entnazifizierung wurde Ende 1947 unter Anwendung der „Jugend-Amnestie“ eingestellt.
Spätestens seit Jahresbeginn 1948 arbeitete Anneliese Aulbach bei Radio Frankfurt, zunächst als Fernschreiberin, dann als Sekretärin beim Wirtschaftsfunk. Im Frühjahr 1948 sprang sie für eine erkrankte Kollegin ein und lieferte aus dem Frankfurter Zoo ihre erste Hörfunkreportage, der bald weitere folgten. Nach zwei Jahren gab sie ihre Stelle als Sekretärin auf, um künftig ausschließlich als Hörfunkreporterin für den inzwischen aus Radio Frankfurt hervorgegangenen Hessischen Rundfunk (HR) tätig zu sein. Ihre Beiträge aus Frankfurt und ganz Hessen liefen im Zeit- und im Landfunk, in den Ratgebersendungen im Frauenfunk und ab 1962 in der Magazinsendung „Unterwegs in Hessen“, die damals neu in HR 1 gestartet wurde. Besonders bekannt wurde die Reporterin durch ihren wöchentlichen Marktbericht mit aktuellen Einkaufstipps, Preisvergleichen und Rezeptvorschlägen für Hausfrauen (und Hausmänner) am Donnerstagvormittag, den sie, immer etwas atemlos und mit Frankfurter Zungenschlag, begann: „Ich komm grad vom Markt…“. Nach ihrer Pensionierung 1979 wurden Anneliese Aulbach und ihr Marktbericht von den Hörerinnen und Hörern vermisst, so dass sie ihn später wieder aufnahm. Bis einige Wochen vor ihrem Tod 1990 war sie, jetzt freitagvormittags, mit Einkaufstipps aus der Frankfurter Kleinmarkthalle im Radio zu hören. Kürzlich wiederentdeckt und in Teilen wiederholt wurde die Sendereihe „Ja, damals… Erinnerungen alter Bürger“, ein außergewöhnliches Erzählprojekt von Anneliese Aulbach, für das sie in den 1970er und 1980er Jahren mehr als 50 Hessinnen und Hessen, die vor 1900 geboren wurden, interviewte.
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Schluss: 

Im März des Jahres sorgte die Nachricht für Aufsehen, dass die Recherche in den Mitgliedskarteien der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) jetzt für alle Interessierten online beim Nationalarchiv der Vereinigten Staaten möglich sei. Bisher waren die Karteien und andere Unterlagen zur Mitgliedschaft in der NSDAP nur auf Anfrage beim Bundesarchiv in Berlin nutzbar, eine Möglichkeit, die die Autorinnen und Autoren des Frankfurter Personenlexikons bei ihren Recherchen für einschlägige Artikel auch regelmäßig in Anspruch genommen haben. Inzwischen haben sich die Redaktion sowie einige Autorinnen und Autoren intensiv in die Onlinerecherche in den Unterlagen zur Mitgliedschaft in der NSDAP beim Nationalarchiv der Vereinigten Staaten eingearbeitet. Das Ergebnis einer der ersten dieser Recherchen ist z. B. in den Artikel über Anneliese Aulbach eingeflossen.
Grundsätzlich hat sich das Angebot der Onlinerecherche in Archiven als großer Vorteil für die historische Forschung erwiesen. Die Erfahrung hat jedoch auch gezeigt, dass es mit der vereinfachten Bereitstellung des Archivmaterials allein nicht getan ist. Zur wissenschaftlichen Recherche, Auswertung und Einordnung der Quellen braucht es weiterhin ausgebildete Historikerinnen und Historiker. Dem professionellen Anspruch sieht sich auch das Frankfurter Personenlexikon als stadtgeschichtliches Standardwerk in der täglichen wissenschaftlichen Arbeit unverändert verpflichtet.

Aus aktuellem Anlass, zum 250. Todestag am 24. Juli 2026, erscheint mit dieser Lieferung der Artikel über den Schriftsteller Johann Michael von Loen in grundlegender Neufassung im Frankfurter Personenlexikon. Der gebürtige Frankfurter ließ sich nach Jahren des Studiums und des Reisens 1724 als Privatgelehrter und Schriftsteller in seiner Heimatstadt nieder. Sein Haus „auf der Windmühle“ am Main wurde zum Mittelpunkt der gelehrten Gesellschaft und eines wöchentlichen Zeitungskollegiums. Loen besaß eine bedeutende Bibliothek, sammelte Kunst und hatte das Merian’sche Kupferstichkabinett erworben. Großen Erfolg hatte der Schriftsteller mit seinem Roman „Der Redliche Mann am Hofe; oder die Begebenheiten des Grafens von Rivera“ (1740) und mit seiner Beschreibung der Frankfurter Verhältnisse vor und während der Krönung des Kaisers Karl VII., die er in Briefen aus der Sicht eines Fremden in französischer Sprache veröffentlichte (1741/42, dt. 1750). In den ausgehenden 1740er Jahren war Loen in die Auseinandersetzungen zwischen Lutheranern und Reformierten in der Stadt verwickelt. Loen, der selbst reformierter Konfession und mit einer lutherischen Frau verheiratet war, trat im Sinne der Aufklärung stets für Toleranz und Ausgleich zwischen den Konfessionen ein und ergriff daher Partei für die Reformierten. Nach Erscheinen seiner Schrift „Die einzige wahre Religion“ (2 Teile, 1750/52) kam es zu einer wütenden Kampagne gegen ihn, die sich derart zuspitzte, dass er sich entschloss, die Stadt zu verlassen. Er nahm 1752 das Angebot an, Regierungspräsident der preußischen Grafschaften Lingen und Tecklenburg in Lingen im Emsland zu werden. Damit verabschiedete sich einer der gelehrtesten Männer seiner Zeit aus Frankfurt. In der Goetheforschung ist Loen als Großonkel des Dichterfürsten bis heute ein Begriff. Goethes Eltern hatten einst auf Loens Anwesen „auf der Windmühle“ geheiratet. Von dem Loen’schen Landgut, auf dessen Gelände seit 1930/31 das Gewerkschaftshaus steht, blieben nur ein paar barocke Gartenfiguren und Ziervasen. Sie sind heute in der Skulpturengalerie am Neubau des Historischen Museums aufgestellt.

Nach einer kleinen Pause wird die Serie der Senckenbergerinnen diesmal mit der Botanikerin und Malerin Louise von Panhuys fortgesetzt. In der Tradition von Maria Sibylla Merian reiste die Frankfurterin zu zwei längeren Aufenthalten 1811-13 und 1815/16 nach Surinam. In großformatigen Aquarellen dokumentierte sie die surinamische Pflanzenwelt. Vermutlich plante sie, ein umfassendes Werk zur Flora Surinams nach dem Vorbild von Maria Sibylla Merian anzufertigen, was sie jedoch nicht verwirklichen konnte. Louise von Panhuys vermachte ihre Arbeiten aus Surinam 1824 der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft; sie befinden sich heute als Dauerleihgabe in der Frankfurter Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg. Das Leben von Louise von Panhuys in der Kolonie Surinam, zuletzt als Ehefrau von deren niederländischem Generalgouverneur, wird als Beispiel für „die tiefreichende Relevanz der Kolonialgeschichte auch für eine Stadt wie Frankfurt“ (Jan Gerchow) heute allerdings eher kritisch gesehen.

Schließlich möchte ich gerne auf einen weiteren aktuellen Gedenktag hinweisen: Der Fußballer Alfred Pfaff, Weltmeister 1954 und deutscher Meister mit Eintracht Frankfurt 1959, hätte am 16. Juli 2026 seinen 100. Geburtstag gefeiert. Schon seit einiger Zeit ist ein Artikel über „Don Alfredo“, wie ihn seine Fans liebevoll nennen, im Frankfurter Personenlexikon zu finden.
Für die nächste Zeit sind übrigens wieder neue Artikel aus dem Bereich Sport im FP geplant. Vielleicht ist das ja ein kleiner Trost für diejenigen Fußballfreunde und -freundinnen unter Ihnen, die die laufende Weltmeisterschaft nicht als Sommermärchen erlebt haben.

Selbstverständlich werden Sie, liebe Leserinnen und Leser, an dieser Stelle wieder von allen Neuerscheinungen erfahren.

Einstweilen herzliche Grüße
Sabine Hock
Chefredakteurin des Frankfurter Personenlexikons

P. S. Die nächste Artikellieferung erscheint am 10. August 2026.